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Camino de la vida

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Tag 14: Von Noja nach Güemes (19 Kilometer)

Es ist fast gespenstisch still, als ich am Morgen die Augen aufschlage. Ich schaue auf die Uhr – es ist bereits 8.30 Uhr. Die Betten um mich herum sind leer – Nora, Vicky und Gabriela haben sich schon auf den Weg gemacht. Ein Blick in das Schuhregal neben der Eingangstür sagt mir, dass es in den anderen Zimmern nicht anders ausschauen wird – sieht man von dem Raum ab, in dem Kyle und Rainer schlafen. Sie haben wohl noch eine Weile zusammengesessen – mit den entsprechenden Folgen. Als ich in mein Zimmer zurückkehre, bemerke ich, dass auch Moira noch nicht losgelaufen ist.

Einige Zeit später steht Moira abmarschbereit vor mir. Da sie ein etwas gemächlicheres Tempo hat als ich, will sie sich schon auf den Weg machen. Wir verabschieden uns, und ich sehe ihr nach, als sie zwischen den Häuserzeilen in Richtung Strand verschwindet. Eigentlich bin ich auch schon bereit zu gehen, aber ich hatte ja erwogen, mit Kyle, Rainer und Cindy zusammen zu laufen, um das nette Gespräch vom Vorabend fortzusetzen. Andererseits will ich nicht zu spät in Güemes ankommen, um genug Zeit zu haben, die besondere Atmosphäre dieser Kultherberge aufzusaugen.

Ich gebe den anderen noch eine halbe Stunde – wenn sie bis dahin wach sind, warte ich auf sie. Ich setze mich an die frische Luft und schreibe ein wenig in mein Tagebuch, dann nehme ich den Führer zur Hand und präge mir die Route des Tages ein. Heute werde ich das Meer nur zu Anfang sehen, danach geht es ins Landesinnere. Ich schaue auf die Uhr – es ist Zeit zu gehen. Da sich in der Herberge immer noch nichts rührt, schnappe ich meinen Rucksack und mache mich allein auf den Weg.

Der erste Teil der Strecke beschert mir ein Deja-vu, bin ich doch schon gestern bis Noja gelaufen. Noch einmal komme ich an den grünen Felsbrocken im Wasser vorbei und genieße es, mit nackten Füßen über den Sand zu laufen. Ich durchquere Noja, das heute morgen deutlich belebter daherkommt – in der Hauptstraße sehe ich ganze Horden von meist älteren Touristen, die riesige Koffer über das Pflaster schieben. Reisebusse stehen am Straßenrand der Avenida de Santander. Ob die Leute gerade angekommen sind oder schon wieder fahren, erschließt sich mir nicht.

Als ich an einem Kloster vorbeikomme, zücke ich wieder meinen Führer – die Alternativroute, die ich heute laufen will, ist nicht so gut ausgeschildert. Und verlaufen will ich mich nicht. Ich biege rechts ab in Richtung Soano und bewundere die stattlichen Anwesen, die sich hinter Büschen und hohen Mauern verbergen. Wieder einmal zeigt sich, dass man sich in Sachen Entfernungen gewaltig verschätzen kann, wenn man zu Fuß unterwegs ist: Immer wieder halte ich Ausschau nach der Engstelle, an der ich laut Führer die Straße nach rechts verlassen soll. Gerade mal 1,6 Kilometer sind es bis dorthin, dennoch dauert es eine ganze lange Weile, bis ich endlich die Stelle erreicht habe.

Kurz darauf komme ich an eine Parkanlage. Rechts von mir erstreckt sich bis zum Horizont das Schwemmland, das mich ein wenig an die Camargue erinnert. Schautafeln erläutern, welche Vogelarten hier leben. Das wäre ein Paradies für meinen Bruder, den Vogelfotografen, denke ich. Einige hundert Meter weiter geben die Büsche und Sträucher den Blick frei auf die frühere Gezeitenmühle Santa Olaya, die aus dem 18. Jahrhundert stammt. Ein schöner Weg, holzbeplankt und von Seilen flankiert, führt dorthin. Mich juckt es, einen Umweg zu machen und mir das Bauwerk aus der Nähe anzusehen. Nachdem ich ein paar Fotos gemacht habe, entscheide ich mich aber, weiterzugehen – bis Güemes ist es noch ein ganzes Stück, und laut Führer hat die Route an manchen Stellen gehöriges Verirr-Potential. Ich erreiche die Landstraße und freue mich, dass sich mal wieder die Sonne zeigt.

Dass ich die nächste Abzweigung verpasst habe, stelle ich fest, als ich plötzlich an einem Ortsschild vorbeilaufe und die ersten Häuser eines Dorfes auftauchen. Davon war im Führer keine Rede. Ich kehre um und versuche, die Piste und den nachfolgenden „schönen Wanderweg“ zu finden. Nach einigem Suchen bin ich endlich auf dem richtigen Weg. Es geht einen schmalen Pfad entlang; rechts und links grasen Kühe zwischen Felsbrocken und Bäumen. Dann erreiche ich eine Asphaltpiste, die an manchen Stellen von einer uralten Bruchsteinmauer gesäumt ist. Vor mir liegt ein schönes Tal; einzelne Radfahrer sind unterwegs, ab und zu überholt mich ein Bauer mit seinem Traktor. Einige Kilometer weiter sehe ich den im Führer beschriebenen Ort Isla, die dortige Kirche ist wirklich imposant. Bald darauf habe ich den Ort Arnuero erreicht.

„Hier verlaufen sich Pilger gerne“, teilt mir der Führer mit. Die nachfolgende Wegbeschreibung ist deshalb sehr detailliert, dennoch bleibe ich immer wieder stehen, weil ich nicht sicher bin, ob ich nicht doch falsch abgebogen bin. Auf der Suche nach einem Haus mit der Nummer 11 betrete ich rechts einen Weg – und werde von den Anwohnern postwendend zurückgeschickt. Ich versuche es eine Straße später und biege wieder rechts ab. Nun finde ich tatsächlich die Nummer 11, von der im Führer beschriebenen Bushaltestelle und der Bar mit Pension ist aber nirgendwo etwas zu sehen.

Schließlich verlasse ich den Ort und durchwandere ein weiteres schönes Tal. Die Kirche Santa María de Bareyo am Horizont bietet mir eine gute Orientierung – da soll und will ich hin. Bald darauf geht der Weg ein Stück an der Landstraße entlang, bis ich die Abzweigung zu einem Campingplatz erreiche und schließlich vor der Kirche stehe. Die ist natürlich wieder geschlossen. Direkt neben der Kirche stehen einige merkwürdige Häuschen, die mich an die Behausungen eines Karthäuserklosters erinnern. Als ich nähertrete, sehe ich, dass es sich um den Friedhof mit seinen charakteristischen Steindenkmälern handelt.

Die Kirche ist von einer sehr schönen Grünanlage umgeben – der perfekte Ort für ein kleines Picknick. Da ich noch nicht dazu gekommen bin, etwas einzukaufen, bleibt es bei ein paar Schokokeksen. Dann gehe ich ein wenig umher und mache ein paar Fotos. Es ist herrlich, barfuß über den alten Steinweg und über den Rasen zu laufen – allerdings nicht lange. Irgendwelche fiesen stacheligen Pflanzen bevölkern die unscheinbare Rasenfläche – und haben sich entschieden, meine Fußsohlen zu attackieren. Ich humpele zurück zu meinem Rucksack. Der Camino sorgt dafür, dass mein gesamtes Equipment zum Einsatz kommt: Mit meiner Pinzette ziehe ich die winzigen Stacheln heraus – und mache danach einen großen Bogen um den tückischen Rasen.

Ich durchquere den Ort Bareyo und erreiche kurz darauf den Campingplatz. In dem kleinen Laden kaufe ich ein paar Sachen für das Mittagessen ein. An einer Wegbiegung treffe ich einen Pilger, den ich zuvor noch nicht gesehen habe. Während wir ein Stück zusammen gehen, erfahre ich auch, warum. Dietmar übernachtet nicht in Herbergen, sondern in Pensionen. Wir plaudern angeregt – so angeregt, dass ich die im Führer beschriebene Eremitage aus dem 13. Jahrhundert übersehe. Wieder einmal zeigt sich: Auf dem Camino kann nur dann auf den Weg achten, wenn ich alleine bin.

Als am Horizont auf einem Hügel die Albergue del Abuelo Peuto in Sicht kommt, biegt Dietmar nach rechts in Richtung Güemes ab. Ich stapfe noch ein Stück die Straße entlang, bevor es über eine Wiese und durch ein eisernes Tor geht. Dann stehe ich vor der „Herberge des perfekten Großvaters“. Gemeint ist damit der Opa von Padre Ernesto, der 1911 die Herberge gründete. Inzwischen ist Padre Ernesto selbst in Ehren ergraut – ich bin gespannt darauf, ihn kennenzulernen.

Im Keller des Haupthauses befindet sich der Empfang. Ich staune, als ich den dahinter liegenden Essenssaal betrete: Bestimmt 30 Pilger sitzen dort und lassen sich ihr Mittagessen schmecken – darunter, wie ich mit einem schnellen Blick feststelle, auch Nora, Vicky und Gabriela. Es ist die erste Herberge auf dem Camino del Norte, in der ich mittags etwas zu essen angeboten bekomme – und vielleicht auch die einzige. Eine Hospitalera reicht mir ein Glas Wasser, und dann nehme ich an der Stirnseite eines langen Holztisches Platz. Die ersten Pilger haben ihr Mahl bereits beendet, ich bin aber noch nicht zu spät: Ich bekomme eine superleckere Linsensuppe als Vorspeise. Danach gibt es Reis mit Tomatensoße und dazu ein Glas Vino tinto. Während ich den knurrenden Magen fülle, erzählt mir Gabriela von ihren jüngsten Erlebnissen. Das Bein ist noch nicht besser, sie erwägt, in Güemes einen Tag Pause zu machen.

Ein Hospitalero stempelt unser Credential, wir tragen uns ins Herbergsbuch ein, und dann führt uns der Hospitalero in unser Zimmer. Ich bin ein wenig enttäuscht, als ich das kalte, feuchte und dunkle Kellerloch sehe, in dem wir schlafen sollen. Ein paar wohl selbstgezimmerte schlichte Etagenbetten stehen an der Wand – und sehen aus, als seien sie schon 1911 dagewesen. Ich denke an die Fotos, die ich daheim im Internet gesehen habe: Dreistöckige Betten waren dort zu sehen, in sauberen und hellen Zimmern. Ich erinnere mich an mein Camino-Motto „Ich nehme alles so, wie es kommt“, schlucke mein Unbehagen hinunter und breite meinen Schlafsack auf der klammen Matratze aus.

Nach dem Duschen nehme ich die Herberge in Augenschein. Mittlerweile ist hier mächtig Betrieb. Nicht alle sehen aus, als seien sie Pilger – offenbar sind hier noch andere Personen untergebracht. Ich besichtige den Aufenthaltsraum mit dem offenen Kamin, in dem – so hat es der Hospitalero verkündet – heute Abend eine Versammlung stattfinden soll. Ich komme an einigen bungalowartigen Häuschen vorbei. Durch die Fenster sehe ich die dreistöckigen Betten, in denen ich so gerne geschlafen hätte. Dann betrete ich die Bibliothek, kuschele mich mit einer Decke auf die Bank und widme mich meinem dreifachen „Ich-bin-angekommen“-Ritual: Tagebuch schreiben, den Lie- ben zuhause eine Nachricht und ein paar Fotos schicken und ein wenig in meinem Führer blättern.

Dann schaue ich mich weiter um – und entdecke an einer Tür ein Schild. Es kündigt für den Nachmittag den Besuch eines Physiotherapeuten an, der Pilger gegen Spende behandelt. Ich gehe zu Gabriela, um ihr davon zu erzählen – vielleicht will sie mal ihr Bein inspizieren lassen. Auf dem Weg zu meinem Bett laufe ich Moira in die Arme. Sie hat das Schild auch schon gesehen und will die Dienste ebenfalls in Anspruch nehmen. Wenn dort nicht gerade ein Menschenauflauf ist, könnte ich ja auch mal nach meinen Gehwerkzeugen schauen lassen, denke ich.

Als ich später an der Tür zur Physiotherapie-Pilgerklinik ankomme, ist Gabriela gerade fertig verarztet. Der Doc hat sie bandagiert und das Laufen für den nächsten Tag verboten. Gerade liegt Moira auf der Liege, während ich vor der Tür warte. Die Behandlung scheint ihr gut zu tun, denn sie quietscht in den höchsten Tönen und bedankt sich hinterher überschwänglich.

Dann bin ich an der Reihe. Mit festem Griff inspiziert der sympathische Muskelkneter meine Beine, drückt kräftig auf die eine oder andere Stelle. Ich merke plötzlich, wie verspannt ich nach fast zwei Wochen Camino bin. Als er am linken Schienbein angekommen ist, fühle ich mich, als könnte ich ohne Flügel fliegen – zumindest bis zur Zimmerdecke. Doch der Physiotherapeut ist erbarmungslos und „mengt“ immer weiter an meinen armen Beinmuskeln herum. Schließlich ist er fertig – und ich bin es auch. Ich lege ein Donativo in das bereitgestellte Körbchen, bedanke mich und wanke hinaus. Offenbar war der dritte Kunde auch der letzte – nach mir wartet niemand mehr vor der Tür.

Gegen Abend treffen auch Kyle, Rainer und Cindy ein. Sie haben ewig lang geschlafen, bis sie von den Herbergswirten in Noja erst aus dem Bett und dann aus der Unterkunft geworfen wurden. Danach haben sie am wunderbaren Strand gechillt und sind erst um 14.30 Uhr (!!!) losgelaufen.

Um 19.30 Uhr finden sich zahlreiche Pilger im Aufenthaltsraum ein. Die Bänke an den Wänden reichen nicht aus, um alle aufzunehmen. Ich rutsche auf den Boden, andere tun es mir nach. Ein freundlicher Mann mittleren Alters beginnt, die Lebensgeschichte Padre Ernestos und die Geschichte der Albergue zu referieren. Ich merke sofort, dass er das beileibe nicht zum ersten Mal tut – geschickt baut er dramatische Elemente und auch ein paar Witzchen ein. Der Vortrag wird von Freiwilligen ins Englische und Französische übersetzt.

Mannomann, hatte dieser Pater ein bewegtes Leben, denke ich – und mit mir sicher auch die meisten Anwesenden. Sogar im Gefängnis hat er gesessen, hat schwer körperlich geschuftet, hat seine Vision gelebt. Jahrelang ist er um die Welt gereist, hat sich sozial betätigt. Einige Jahre war er Dorfpfarrer in einem kleinen Weiler in den Bergen. Der Bischof habe gefragt, wo er denn eingesetzt werden wolle, berichtet der Hospitalero. Padre Ernesto habe gegengefragt, welches denn der Ort sei, wo niemand hinwolle. Daraufhin sei ihm das Bergdorf in den Picos de Europa genannt worden. „Dann will ich da hin“, habe Padre Ernesto geantwortet. Die zuhörenden Pilger sind beeindruckt – ich auch.

Der Referent zeigt ein Foto des Bergdorfes, zu dem ein schlangenlinienförmiger Weg führt. Die Kinder des Dorfes hätten gerne Fußball gespielt, erzählt der Hospitalero. Allerdings habe es eine halbe Stunde gedauert, den Ball zurückzuholen, grinst er. Dann gibt er einen Einblick in das Werk von Padre Ernesto, das auf mehreren Säulen aufgebaut ist. Mehrere soziale Projekte hat er ins Leben gerufen – und so ganz nebenbei ist er auch noch der Ortspfarrer von Güemes.

Zudem erfahre ich, dass viele Menschen gar nicht glücklich mit den vielen Eukalyptusbäumen in Nordspanien sind. Sie riechen gut und sehen gut aus – aber das scheinen auch die beiden einzigen Vorteile zu sein. Die Bäume verbrauchen unglaublich viel Wasser – und senken wohl mit ihrem Durst auch den Grundwasserspiegel. Zudem brennen sie wohl wie Zunder (wie auch immer Zunder brennt, ich habe noch keins brennen sehen). Die Gemeinschaft um Padre Ernesto hat sich deshalb auch zur Aufgabe gemacht, gegen die Ausbreitung der Eukalyptuswälder vorzugehen. Wie sie das zu tun gedenken (Aufklärungsarbeit, nächtliche Fällaktionen?!?), erfahre ich nicht – entweder weil der Vortragende es nicht sagt oder weil ich es nicht aus dem Übersetzungswust herausfiltern kann.

Am meisten fasziniert mich ein Gedanke, der mich persönlich schon seit den ersten Tagen auf dem Jakobsweg beschäftigt: Der Camino del Norte ist nicht irgendein Weg, sondern ein Sinnbild für den Camino de la vida, den Lebensweg. Padre Ernesto habe seine unsteten Jahre in der Fremde – unter anderem in Südamerika – als die Universität des Lebens bezeichnet, referiert der Hospitalero.

Am Ende des Vortrags steht plötzlich Padre Ernesto höchstpersönlich in der Tür. Die Pilger beginnen zu applaudieren. Bescheiden lächelnd nimmt der Pater die Ovationen entgegen – und wirkt dennoch wie ein Popstar. Es ist förmlich mit den Händen zu greifen, wie sehr er und sein Werk von den Helfern verehrt wird.

Bald darauf sitzen wir alle beim Abendessen, das von zahlreichen Hospitaleros und Hospitaleras serviert wird. Es gibt Fisch mit Kartoffeln und anschließend Obst, dazu den obligatorischen Vino tinto. Eine der Hospitaleras, so erfahren wir kurz darauf, war vor ein paar Wochen selbst als Pilgerin in der Herberge zu Gast. Als sie in Santiago ankam und noch ein wenig Zeit bis zur ihrer Rückkehr in die dänische Heimat hatte, ist sie kurzentschlossen nach Güemes zurückgefahren, um für zehn Tage hier in der Herberge auszuhelfen. Dabei spricht sie kein Wort Spanisch (und die meisten Hospitaleros kaum Englisch), aber sie verständigt sich mit Händen und Füßen und macht sich nützlich, wo sie nur kann.

Mit mir am Tisch sitzen Ilona, Gabriela, Kyle, Rainer, Cindy und das amerikanische Pärchen. Wieder ist es eine schöne Runde mit netten Gesprächen, auch wenn die Verständigung angesichts der vielen Personen in dem Raum ein wenig schwierig ist.

Am Ende ergreift Padre Ernesto himself noch einmal das Wort. Mithilfe von Schautafeln zeigt der 80-Jährige uns, wie viele Pilger im vergangenen Jahr und in den ersten Monaten dieses Jahres in Güemes übernachtet haben. Dazu liefert er Vergleichszahlen anderer Orte. Es wird deutlich: Die Albergue del Abuelo Peuto ist die mit Abstand am meisten besuchte Herberge auf dem gesamten Camino del Norte. Kein Wunder angesichts der zur Verfügung stehenden 70 Betten und angesichts des Spirits, den die Hospitaleros und natürlich der Padre selbst verbreiten.

Mit Applaus wird der weißhaarige alte Herr verabschiedet, der vor seiner Rede noch ein wenig im Herbergsverzeichnis geblättert hat – und dabei sicher auch geschaut hat, woher die ganzen Pilger denn kommen. Am Ende lädt er noch zu einer Führung durch die Hauskapelle ein – mit einer Erläuterung der Wandgemälde, die von einem bedeutenden Künstler Spaniens stammen.

Nach dem Essen machen sich zahlreiche Pilger bettfertig, andere gehen noch zur Kapelle. Ich schlendere ebenfalls zu dem weißgetünchten Rundbau im Garten und werfe eine Blick hin- ein. Die Bilder sind allerdings nicht ganz mein Fall, weshalb ich auf den zweiten Vortrag des Abends verzichte. Ich betrete unser Kellerloch und rüste mich für die Nacht. Dann lege ich mich in das Etagenbett – und muss lachen: Das Bett ist höchstens 1,80 Meter lang – und damit viel zu kurz für mich. Ich versuche, die Füße über die Reling hängen zu lassen, aber das ist nicht möglich: Auf der einen Seite stoßen sie gegen die Wand, auf der anderen Seite schneidet das Bett unangenehm in meine Waden.

An Schlafen ist unter diesen Umständen nicht zu denken, da hilft auch mein Camino-Motto nicht weiter. Ich schwinge mich wieder aus dem Bett und betrete den Hof. Es hat angefangen zu regnen. Mit nackten Füßen springe ich durch die Pfützen zum letzten Bungalow, in dem ich Kyle und Rainer weiß. Ich betrete das Gebäude, in dem noch Licht brennt, und schaue nach, ob dort noch ein Bett frei ist. Tatsächlich gibt es noch Platz. Ich schildere mein Dilemma und frage, ob ich umziehen darf. Dann gehe ich zurück, schnappe meine Siebensachen und verlege mein Schlafdomizil.

Bald wird das Licht gelöscht. Ich liege noch eine Weile wach und denke über den Tag nach. Der Geist von Güemes hat mich nicht so gepackt wie andere Pilger vor mir, die ihre Begeisterung im Internetforum verbreitet haben. Dazu ist mir die Herberge zu groß, zu trubelig. Zudem kann ich dem Starkult um Padre Ernesto nicht allzu viel abgewinnen – der Mann hat zweifellos viel geleistet und sich einige Verdienste erworben. Allerdings wird er dafür auch sehr gefeiert. Da habe ich mich in kleinen Herbergen, wo Hospitaleros still und fast heimlich ihren ehrenamtlichen Dienst verrichten, doch ein ganzes Stück wohler gefühlt.

Eines aber lässt mich nicht mehr los: der Gedanke des Camino de la vida. Nach zwei Wochen auf dem Jakobsweg spüre ich es mehr und mehr, dass der Camino einerseits den Lebensweg skizzenhaft abbildet und mich gleichzeitig vorbereitet auf das Leben, den Alltag nach dem Camino. Ich ahne es: Nichts wird mehr sein wie zuvor. Ein Gedanke, beängstigend und beglückend zugleich. Ein Gedanke, der Vertrauen fordert – Vertrauen darauf, dass nicht nur der Jakobsweg mir das gibt, was ich brauche, sondern auch der Lebensweg alles Erforderliche bereithält, um das Ziel zu erreichen.

Der Bericht über meinen Camino del Norte ist auch als Taschenbuch und eBook verfügbar: „Der Weg gibt Dir, was Du brauchst!“ – 400 Kilometer zu Fuß auf dem Camino del Norte

 

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Hi, ich bin descalces. Seit 20 Jahren weitgehend barfuß unterwegs - so oft es geht, auch auf dem Jakobsweg...

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