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21. Tag: Von Llanes nach Piñeres (22 Kilometer)

Und wieder fühle ich mich wie im Paradies. Über mir spannt sich der babyblaue Himmel, von der Sonne beschienen. Rechts neben mir rauscht das tiefblaue Meer, vor mir liegt saftiggrüner Rasen. Ich befinde mich auf der Uferpromenade Paseo de San Pedro. Ein schönes Wohnzimmer hat sich der Apostel Petrus da ausgesucht: Rund einen Kilometer lang ist dieser wunderschöne Park, besäumt von Natursteinmauern und bestückt mit zahlreichen, teilweise in bizarren Formen gewachsenen Bäumen.

Ich bin glücklich, dass die Uferpromenade Teil des Jakobsweges ist. Dieses Glück muss ich heute morgen mit niemandem teilen, sieht man von dem einsamen Jogger ab, der mir entgegenkommt. Ansonsten bin ich mutterseelenallein. Meine nackten Füße werden im Gras von Morgentau benetzt. Immer wieder bleibe ich stehen, um ein Foto zu machen oder einfach ein paar Minuten aufs Meer hinauszuschauen. Heute habe ich keine Eile, es ist mein letzter „richtiger“ Camino-Tag, und ich habe kein festes Ziel – ich will einfach nur noch weiterlaufen auf dem Jakobsweg. So weit mich heute die Füße tragen.

Als ich in der Bahnhofsherberge die Augen aufgeschlagen habe, lagen die Spanier noch alle in Morpheus´ Armen. So leise wie möglich habe ich meine Sachen gepackt, was angesichts des klapprigen Metallspinds gar nicht so einfach war. Dann habe ich mich aus dem Zimmer geschlichen. Die Nacht war ruhig und gut – von den Jugendlichen war ebensowenig etwas zu hören wie von den Zügen. Im Essensraum war gedämpfter Betrieb – rund ein Dutzend junger Leute machte sich über Berge von Toastbrot her. Laut war es aber nicht, viele Jugendlich hatten kleine Augen, schienen in der Nacht nicht viel geschlafen zu haben. Zudem banden die Smartphones ein großes Stück Aufmerksamkeit.

Die nette Herbergswirtin von gestern war leider nicht zu sehen – ich hätte mich gerne noch von ihr verabschiedet. Also bin ich losgestiefelt: zur Kirche, dann an den Stadtstrand und dann die Treppen hinauf zur Uferpromenade.

Gemütlich schlendere ich nun durch das feuchte Gras, danke Gott für den schönen Tag und die wunderbare Natur. Ganz Llanes scheint noch im Tiefschlaf zu liegen, wird nun aber von den Glocken der Kirche geweckt, die durch das ganze Tal schallen. Irgendwann – nach einer gefühlten Ewigkeit – komme ich an den Stadtrand. Hier endet leider auch die grandiose Uferpromenade. Es geht nach links auf eine Straße, die kurz darauf in eine Hauptverkehrsstraße mündet. Auch hier ist noch nicht viel los. Ich überquere die Straße und einen Bahnübergang. Eine schmale Piste lässt mich bald darauf das Dörfchen Póo erreichen.

Kurz nach dem Ortseingang mache ich an der Kirche Halt. Meine Haut braucht mal wieder eine Schicht Sonnencreme, sonst bin ich angesichts des strahlenden Sonnenscheins bald krebsrot. Zudem spüre ich ein Zwicken im rechten Schienbein. Diesen latenten Schmerz kenne ich nur zu gut – das Bein meldet Überlastung. Ganz ähnlich hat es sich angefühlt, als ich vor einer Woche in Santander nicht mehr weiterlaufen konnte. Und ein solcher Schmerz hat mir bei einer Wallfahrt in Frankreich auch mal eine ausgedehnte Fahrt mit dem Bus beschert. Doch hier auf dem Jakobsweg gibt es keinen Besenwagen.

Weiterlesen? Der Bericht über meinen Camino del Norte ist jetzt als Taschenbuch und eBook verfügbar: „Der Weg gibt Dir, was Du brauchst!“ – 400 Kilometer zu Fuß auf dem Camino del Norte

 

 

 

 

Veröffentlicht von

Hi, ich bin descalces. Seit 20 Jahren weitgehend barfuß unterwegs - so oft es geht, auch auf dem Jakobsweg...

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