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Sternstunden

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Tag 20: Von Pendueles nach Llanes (14 Kilometer)

Zuerst ist es totenstill. Man hört gar nichts, sieht man mal vom Gebimmel der Ziegen ab, die um mich herum über die Steine klettern. Ich lausche gespannt. Gleich muss es soweit sein. Ein leises Rauschen ist zu hören, nur eine oder zwei Sekunden lang – und dann geht es los. Ein ohrenbetäubendes Fauchen und Sausen bricht aus dem Loch zu meinen Füßen hervor. Hat es so geklungen, als damals der Heilige Geist in Jerusalem auf die Jünger herabkam? Das Fauchen hält ein paar Sekunden an, und dann ist von einem Augenblick zum anderen wieder Totenstille.

Ich fühle mich wie ein Zoowärter, der nur ganz kurz die Tür zum Tigerkäfig geöffnet hat und von einem hungrigen Raubtier begrüßt wurde. Es ist aber kein Tiger, der mich da anfaucht, sondern es sind die Bufones. Nachdem ich gestern mal gar nichts gehört habe, ist die See heute offenbar ein wenig aktiver – und liefert mir ein beeindruckendes Naturschauspiel. Das Loch in den Felsen der Steilküste ist vielleicht so groß wie ein Swimmingpool, allerdings ohne Wasser. Auf die spritzende Gischt muss ich auch heute verzichten, dazu ist das Meer nicht wild genug, aber die akustische Darbietung ist schon atemberaubend.

Ich mache mit dem iPhone ein paar Aufnahmen und bestaune dann die Ziegen, die mit schlafwandlerischer Sicherheit direkt an der Felskante entlangstaksen, ohne sich von dem Fauchen aus dem Boden einschüchtern oder erschrecken zu lassen. Dann mache ich mich wieder auf den Weg – natürlich barfuß. Der sandige Pfad zwischen dem Heidekraut ist erneut eine Wohltat für die Fußsohlen…

Nach einer erholsamen Nacht bin ich wieder mal der Letzte gewesen, der zum Frühstück die Treppe hinunterstieg. Javier hatte für uns Toastbrot und Marmelade serviert, dazu gab es Kaffee und Tee. Nachdem ich meinen Rucksack gepackt hatte, habe ich mich von Javier herzlich verabschiedet und noch ein Foto von ihm geschossen. In die Spendenbox habe ich einen großzügigen Obolus hineingelegt – ich finde das Engagement des jungen Spaniers für die Jakobswegpilger ebenso bewunderns- wie unterstützenswert.

Der Weg raus aus Pendueles war unspektakulär, aber trotzdem schön. Was für ein Geschenk, in solch einer herrlichen Landschaft mit spektakulären Buchten …

Weiterlesen? Der Bericht über meinen Camino del Norte ist jetzt als Taschenbuch und eBook verfügbar: „Der Weg gibt Dir, was Du brauchst!“ – 400 Kilometer zu Fuß auf dem Camino del Norte

 

Veröffentlicht von

Hi, ich bin descalces. Seit 20 Jahren weitgehend barfuß unterwegs - so oft es geht, auch auf dem Jakobsweg...

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  1. Hi
    du machst super schöne Bilder.
    Wir hatten das Glück auch bei so schönen Wetter diese Strecke (mit Schuhen) gegangen zu sein.
    Es ist immer wieder schön dich auf deinen Weg zubegleiten.
    Buen Camino y hasta la proxima
    Lisa und Jochen

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    • Hi Lisa und Jochen,
      danke für das Lob und Euer Interesse. Wann wart Ihr denn unterwegs?
      Grüße
      descalces

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      • Hola descalces,
        Deine Erzählungen – und die Fotos! – machen wirklich Lust, auch mal den Norte zu gehen! Beim Lesen hatte ich manchmal das Gefühl als hätte ich den Barfußpilger auf dem Weg kennengelernt… 🙂
        Tja, und dann hat mich dieser schöne Blog durchaus inspiriert, es auch mal zu probieren mit dem Bloggen…
        Buen Camino weiterhin!
        Gertrudis

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        • Hola Gertrudis,

          das freut mich!!! Es hat bislang und macht weiter riesigen Spaß, über meinen Camino zu bloggen. Es ist, als wäre man ein zweites Mal unterwegs.
          Weiterhin viel Spaß beim Lesen – und vielleicht sieht man sich ja tatsächlich mal live…

          BC
          descalces

          Antworten

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