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Tag 19: Von San Vicente de la Barquera nach Pendueles (27 Kilometer)

Soll ich oder soll ich nicht? Diese Frage geht mir seit Stunden nicht mehr aus dem Kopf. Noch drei Tage habe ich Zeit auf meinem ersten Camino, bevor ich mich auf den Rückweg nach Santander machen muss. Eigentlich hatte ich geplant, auf dem Küstenweg so lange zu laufen, wie ich komme, und dann den Jakobsweg in Richtung Heimat zu verlassen. Doch der Abstecher nach Santo Toribio de Liébana reizt mich immer noch. Das Kloster in den Picos de Europa, in dem die größte Reliquie des Kreuzes Christi aufbewahrt wird, wäre ein würdiger Schlusspunkt für meinen Drei-Wochen-Camino, wenn ich dieses Jahr schon nicht nach Santiago de Compostela komme.

Die Wegbeschreibung nach Santo Toribio, die ich gestern beim Verlag des Reiseführers angefordert habe, ist heute morgen auf meinem iPhone eingetrudelt. Prompte Lieferung, ich bin beeindruckt. Was also hindert mich, den 55 Kilometer langen Weg in die „bizarre Bergwelt“ – so ist im Führer zu lesen – anzutreten? Ich kämpfe den ganzen Morgen mit mir – und entscheide mich dann, weiter an der Küste entlangzugehen. Für einen Marsch durch die Berge bin ich einfach nicht ausgerüstet – ich habe nicht einmal Socken dabei, von festen Schuhen einmal ganz abgesehen.  Zudem kann sich der Wetterbericht nicht entscheiden – die Vorhersage schwankt zwischen schön und wechselhaft. Die Aussicht, bei zehn Grad und Nebel auf einem Berggipfel vor Kälte zu schnattern, ist nicht gerade verlockend.

Darüber hinaus müsste ich auf dem Weg auf die Gesellschaft meiner Camino-Familie verzichten – den Pilgern, die ich auf dem Weg kennengelernt habe und die mir ans Herz gewachsen sind. Vielleicht ist ja ein Abstecher nach Santo Toribio drin, wenn ich in zweieinhalb Jahren mit meinem Schatz hierher zurückkehre, um den Jakobsweg fortzusetzen.

Nachdem ich in der Herberge „El Galeon“ ebenso unsanft wie zeitig aus dem Bett geworfen worden bin („Aufstehen! Frühstück!“), ist klar, dass ich heute früh auf die Piste gehen werde. Eigentlich keine schlechte Sache, auch wenn ich gerne noch ein wenig länger geruht hätte: Schließlich wartet heute mit 27 Kilometern eine ziemlich lange Etappe auf mich; zudem bin ich ganz froh, diese in Sachen Gastlichkeit ambivalente Herberge bald hinter mir lassen zu können.

Weiterlesen? Der Bericht über meinen Camino del Norte ist jetzt als Taschenbuch und eBook verfügbar: „Der Weg gibt Dir, was Du brauchst!“ – 400 Kilometer zu Fuß auf dem Camino del Norte

 

 

 

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Hi, ich bin descalces. Seit 20 Jahren weitgehend barfuß unterwegs - so oft es geht, auch auf dem Jakobsweg...

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