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Seltsam vertraut

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Tag 15: Von Güemes nach Santa Cruz-de-Bezana (17+7 Kilometer)

„Seid Ihr auch aus Amerika?“ Ein großer, breitschultriger, blonder, etwa 25 Jahre alter Mann strahlt uns an. Sein breites Grinsen imponiert mir. So sieht Gelassenheit aus, denke ich. Für Amerikaner hält er uns wohl, weil ich mich eben mit Kyle auf Englisch unterhalten habe. „Nein, ich bin Deutscher. Aber er“, und ich zeige auf Kyle, „er ist Amerikaner.“ Wir kommen ins Gespräch, mitten auf dem Küstenweg zwischen Barrío und Somo. Warum er in die falsche Richtung läuft, weg von Santiago de Compostela, frage ich ihn. „Ich bin evangelisch“, antwortet er. Sein Humor gefällt mir.

Er sei vor ein paar Wochen in Porto gelandet, dann habe er sich nach Santiago aufgemacht, sei dann weiter nach La Coruña, und dann nach Santander – und jetzt sei er hier. „Zu Fuß?“, frage ich ihn ungläubig. Nein, zunächst sei er mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, doch dann habe er festgestellt, dass man beim Radeln einfach kaum Leute kennenlernt. Deshalb gehe er jetzt zu Fuß. „Und wo hast Du Dein Fahrrad gelassen?“, hake ich nach. „Das habe ich verschenkt“, grinst der Amerikaner. Der Drahtesel stehe jetzt in der Herberge in Bezana, wo er vergangene Nacht geschlafen habe. „Das ist toll da, da müsst Ihr unbedingt hin“, fügt er hinzu.

Der Amerikaner hat noch einiges an Weg vor sich: er wolle jetzt bis nach Irun, dann durch Frankreich durch, dann über die Schweiz nach Italien, den Stiefel hinunter, erzählt er unseren verwunderten Gesichtern. Anschließend plant er, über Albanien nach Kroatien zu reisen. „Und dann fliege ich wieder nach Hause.“ Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus: Auf dem Rücken trägt der Amerikaner keinen Camino-Rucksack wie ich. Der Backpack verdient eher den Namen Beutelchen. Viel kann da nicht drin sein; ich bin versucht, ihn nach dem Inhalt zu fragen, finde das dann aber doch ein wenig indiskret. Dann zieht jeder wieder seines Weges – der Amerikaner geht nach Osten, Kyle und ich nach Westen.

Am Morgen hat es noch so ausgesehen, als bekäme ich meinen nächsten Dämpfer in Sachen „Ich nehme alles so, wie es kommt“: Es hat geregnet – keine guten Voraussetzungen für den sicherlich prachtvollen Weg über die Steilküste bis Somo. Doch nach dem Frühstück ist es aufgeklart, und wir haben unseren Weg im Trockenen fortsetzen können. Wir, das waren Kyle, Rainer und ich. Nachdem ich in Noja vergeblich darauf gehofft hatte, mit den beiden zu laufen und zu reden, hat es mit einem Tag Verspätung doch noch geklappt. Cindy hatte sich entschieden, wegen ihrer Beinprobleme in Güemes einen Tag auszusetzen – ebenso wie Gabriela, von der ich mich …

Weiterlesen? Der Bericht über meinen Camino del Norte ist jetzt als Taschenbuch und eBook verfügbar: „Der Weg gibt Dir, was Du brauchst!“ – 400 Kilometer zu Fuß auf dem Camino del Norte

 

 

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Hi, ich bin descalces. Seit 20 Jahren weitgehend barfuß unterwegs - so oft es geht, auch auf dem Jakobsweg...

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